Also ich liebe ja meinen "Knopf im Ohr", mit dem ich bei der Hausarbeit oder beim Spazierengehen meine Lieblingsmusik oder einen Podcast anhören kann. Dann geht mir alles gleich ein bisschen leichter von der Hand, und ich finde auch viel eher die Zeit, mich mit einem Thema vertraut zu machen, als wenn ich mich extra hinsetzen und etwas lesen müsste. Damit bin ich offensichtlich nicht alleine, denn eine liebe Freundin hat mich auf die Idee gebracht, diese Texte für Dich einzusprechen [Tausend Dank, meine Liebe! 🫶].
Diese Aufnahmen stelle ich Dir unter dem Namen "Die Stille Revolution" als Podcast zur Verfügung.
Über folgende Links kommst Du dort hin und kannst alle Folgen einzeln oder durchgehend abspielen.
Bei Spotify: https://open.spotify.com/show/3kzYdSQtI7kgDEE9A1UTOw?si=52423ec1d24c4a98
Das geht auch dann, wenn Du dort kein Konto hast. Du hast also die Wahl, ob Du lieber lesen oder zuhören möchtest!
Und übrigens: Es muss ja nicht immer bei der Hausarbeit sein! Hol Dir vielleicht einen Tee, wenn Du Zeit hast, und mach es Dir gemütlich. Hier wird es tief und grundsätzlich!
Was wir uns im Grunde unseres Herzens alle wünschen ist Glück, Gesundheit und Erfolg. Ein wichtiger Schlüssel dazu ist ein „gutes Selbstbewusstsein“, „Selbstvertrauen“, ein „gutes Selbstwertgefühl“, eben „Selbstsicherheit“. Große Worte sind das, aber was bedeuten sie eigentlich? Was ist der Unterschied zwischen dem einen und dem anderen und wie bekommen wir das überhaupt hin? Glauben wir überhaupt daran, dass das für uns möglich ist oder dass wir das überhaupt erwarten dürfen?
Da scheint einiges schief zu laufen in dieser Welt, das spüren wir genau. Oder liegt der Fehler etwa in uns selbst? Wenn wir Kinder haben, dann möchten wir jedenfalls alles dafür tun, damit bei ihnen von Anfang an weniger schief läuft. Denn mit dem Anfang hat es irgendwie zu tun. Wir waren alle mal Kinder und gerade dann, wenn es um diese ganzen großen Worte geht, werden wir oft innerlich wieder zu genau diesem Kind. Es müssen sehr grundsätzliche, sehr frühe Dinge sein, die da auf und in uns wirken. Sie entziehen sich unserem Verstand, unserer Erinnerung und bestimmen doch so sehr über uns. Aber hatten wir denn alle eine schlechte Kindheit? Manche sicher, aber die meisten hatten es doch ganz gut! Ich jedenfalls schon. Oder?
Meine Suche nach Antworten hat mich auf eine spannende Reise geschickt. Es ist eine Reise zu mir selbst und darüber hinaus, deren Verlauf ich niemals erwartet hatte, und die vermutlich nie zu Ende sein wird. Einige meiner Gedanken und Erfahrungen möchte ich gerne teilen, denn sie sind in meinen Augen eine Reise wert!
Selbstbewusstsein. Sich seiner selbst bewusst sein. Da steckt viel mehr dahinter, als die meisten darunter verstehen. Das ist nicht einfach „sich selbst etwas zutrauen und sich nicht verunsichern lassen“. Bedeutet das nicht eher, ein Selbst zu haben und sich dieses Selbsts bewusst zu sein? Zu fühlen und zu wissen, wer man ist und was man gerade braucht?
Und Selbstwertgefühl? Ein Gefühl dafür, was man Wert ist, dass man etwas Wert ist. Ist man das denn? Was man sich für seine Kinder wünscht ist ja eigentlich das, was man selbst nicht unbedingt fühlt, aber theoretisch richtig fände: der bedingungslose Selbstwert. Das ist wirklich eine schöne Idee, wenn da bloß nicht immer gleich diese Fragen wären: „Aber ist es denn auch wirklich wahr? Ist man etwas wert? Theoretisch ja, aber auch ich? Ja schon, aber doch nur wenn ich … oder wenn ich nicht...“
Und genau da fängt es an. Ein bedingungsloser (Selbst-)Wert ist nämlich bedingungslos. Und bedingungslos bedeutet nicht, dass ein Mensch (ein Kind, um beim Anfang zu bleiben) sich in einer bestimmten Weise verhalten muss, „sein“ muss, um etwas wert zu sein. Um es wert zu sein, geliebt zu werden. Wer so aufwächst, dass der eigene Wert sich immer an Leistung, Verhalten und Benehmen bemisst, der steht ständig auf dem Prüfstand und muss sich permanent beweisen. Anstelle von „Selbst-Wert-Gefühl" erleben wir dann eher eine „Wert-Bewerbung“, bei der man sich seinen Wert ständig neu erkämpfen und anderen immer wieder nachweisen muss. So ist das für sehr viele von uns und das setzt uns gehörig unter Druck.
Bedingungsloser Wert bedeutet doch viel eher, dass das Kind angenommen wird, egal wie es sich verhält oder wie es „ist“. Da hilft es, wenn der zuständige Erwachsene davon ausgeht, dass ein Kind immer „gut ist“, auch wenn es sich mal nicht richtig verhält. Dann gelingt dieses Annehmen viel besser, vielleicht sogar ganz leicht. So sind auch viele von uns aufgewachsen, aber haben wir deswegen das Gefühl eines bedingungslosen Selbstwerts? Irgendwie meist doch nicht. Wo ist da der Haken?
Der eine Haken an dieser Sache ist die Unterscheidung von Sein und Handeln. Für viele Erwachsene ist es durchaus möglich, zwischen dem Verhalten und dem „Sein“ zu unterscheiden. Nur, weil jemand sich böse verhält, muss das nicht bedeuten, dass er deswegen böse „ist“, und das trifft auch schon ziemlich den Kern der Sache. Diese Unterscheidung ist für Kinder aber lange Zeit extrem schwierig. Sie identifizieren sich meist völlig mit dem, was sie tun, sind ganz im Moment: „Ich male gerade, ich bin ein Maler“, „Ich grabe ein Loch, ich bin ein Bagger“. Was ich tue, das bin ich. Wird mein Verhalten bewertet, wird mein Sein bewertet. Ist mein Verhalten nicht in Ordnung, bin ich nicht in Ordnung. Das berücksichtigen Erwachsene meist nicht bei der Rückmeldung, die sie ihnen geben, aber das ist das, was bei ihnen ankommt.
Der andere Haken ist, dass die Theorie, ein Kind sei doch im Grunde immer gut, und könne deswegen auch immer angenommen und geliebt werden, eben eine Theorie ist. Jede Theorie, egal ob sie nun stimmt oder nicht, kann man im Einzelfall anzweifeln. In jedem einzelnen Fall, wenn man das möchte. Das Kind wird aber immer noch nicht bedingungslos angenommen, sondern unter der Bedingung, dass die Theorie stimmt. Was, wenn sie das ausgerechnet im eigenen Fall nicht tut? Wer empfindet sich selbst schon als immer, also wirklich immer, „trotzdem gut“? Spricht nicht auch immer so vieles dagegen, im Grunde unseres Herzens? Dinge, die der andere vielleicht gar nicht weiß, und deswegen nicht mit berücksichtigen kann? Das kann sehr dünnes Eis sein, auf dem wir da herumrutschen.
Aber was wäre denn nun wirklich bedingungslos? Nun ja, bedingungslose Annahme bedeutet, ein Kind anzunehmen, egal ob es „gut“ oder „schlecht“ ist. Egal, ob es gerade lieb oder böse ist, aufmerksam oder unaufmerksam, ordentlich oder chaotisch, stark oder schwach. Dann sagt man eben nicht „Na gut, gerade bist du zwar so, aber im Grunde genommen bist du bestimmt ganz anders, also kann ich dich lieben.“ Nein, dann sagt man „Jetzt gerade bist du so, und das ist okay, und ich kann dich lieben. Und später bist du anders, und das ist genauso okay, und ich kann dich lieben. Und egal wie du mal sein wirst, es wird okay sein und ich werde dich lieben können.“
Hier wird auch gleich ganz deutlich, dass alles in unserer Welt zwei Seiten hat. Es gibt immer das Licht und die Dunkelheit. Und wenn nur die eine Seite in Ordnung ist, dann ist es nicht bedingungslos. Dann muss man (nicht nur als Kind) darauf achten, dass man die Erwartungen des Gegenübers erfüllt und auf der Seite bleibt, die derjenige gerade richtig findet. Man ist darauf angewiesen, dass der andere die falsche Seite an einem nicht sieht, oder trotzdem an die richtige Seite glaubt, oder zumindest davon überzeugt werden kann. So landet man ganz unverhofft bei Verstellung, Beschränkung, Unsicherheit, Abhängigkeit und Rechtfertigung, und bei dem Gefühl, es eben vielleicht doch nicht verdient zu haben, geliebt zu werden. Manche Kinder werden dabei immer stiller, manche immer lauter. (Und manche sind vielleicht zum Glück auf wundersame Weise immun dagegen.)
Können denn aber wirklich beide Seiten okay sein? Wir wollen doch nicht, dass unsere Kinder böse, schwach oder noch Schlimmeres werden! Wir wollen doch nicht Tür und Tor öffnen für ungezügeltes schlechtes Benehmen und mangelnde Leistungsbereitschaft! Stimmt, ein Aspekt fehlt an der Sache noch. Nämlich das Selbst. Bis hier her ging es immer nur um den Wert. Was hat also dieses Selbst damit zu tun, und was ist überhaupt dieses Selbst, dessen man sich da bewusst sein soll?
Das Selbst ist das, was unser Wesen, unser wahres Sein ausmacht. Der innerste, unveränderliche Kern eines jeden Menschen: unsere Seele, mit der wir auf die Welt kommen und die einfach da ist. Was machen also diese zwei Seiten, das Licht und die Dunkelheit, mit unserem Selbst? Nichts. Gar nichts. Wenn wir ein Kompass wären, auf dem alle Himmelsrichtungen verzeichnet sind, dann wäre das Selbst die Nadel. Sie kann in alle Richtungen zeigen, je nach dem, wie wir den Kompass drehen. Aber sie ändert sich dadurch nicht, sie bleibt einfach die Nadel. Und darum ist es auch möglich, jemanden - ein Kind, einfach jeden Menschen, sogar sich selbst - bedingungslos anzunehmen.
Wohin wir den Kompass drehen, ob wir uns mehr dem Licht oder der Dunkelheit zuwenden, ist immer eine Entscheidung, die stark von unseren Lebensumständen, Erfahrungen und Vorstellungen beeinflusst wird. Das Selbst ist einfach pures Potential. Es enthält alle Richtungen und Möglichkeiten, braucht weder Kategorien noch Beschreibung, Bewertung oder Legitimation, es muss sich nicht festlegen. Wer in seinem Selbst bedingungslos angenommen ist, der kann sich in jedem Augenblick frei für seine Richtung entscheiden und wird nicht von der Angst um die eigene Existenzberechtigung in die Dunkelheit getrieben. Wenn alles okay ist, was soll dann schon passieren? Klar, es kann alles passieren, und es kann auch wehtun, aber es ist immer noch okay und nimmt uns nicht die Grundlage. Im Gegenteil: „okay“ zu sein, was auch immer passiert, gibt uns Halt und festen Boden, schafft das solide Fundament, auf dem wir unser Potential gefahrlos entdecken und ausschöpfen können. Das ist wahre Sicherheit. Selbstsicherheit. Aus dieser Selbstsicherheit heraus können wir wirklich alles ausprobieren, erkennen, zeigen und auch abrufen, was in uns steckt!
Wer diese Sicherheit nicht spürt, der ist abhängig von äußerer Sicherheit. Also braucht man Regeln, Gesetze und Systeme, die diese Sicherheit schaffen sollen. Da diese Sicherheit aber an der Bedingung hängt, dass alle Beteiligten die Regeln und Gesetze einhalten, bleibt sie sehr fragil, kann jederzeit zusammenbrechen. Also werden die Regeln, Gesetze und Systeme immer starrer, enger und krampfhafter, um die Sicherheit zu sichern.
Nur wer die Bedingungen erfüllt ist okay und erfährt Bestätigung über Lob und Anerkennung, wer sie bricht, der ist nicht okay und wird abgelehnt, ausgeschlossen, bestraft. Das eine fühlt sich gut an, das andere fühlt sich schlecht an. Wie wir uns fühlen liegt also nur bedingt in unserer Hand, sondern wird von anderen bestimmt, indem sie uns bewerten. Die Macht und die Verantwortung liegt immer bei jemand anderem, egal ob man sie nun abgibt oder sie einem genommen wird. Wir erleben Fremdbestimmung statt Selbstbestimmung, also Ohnmacht. So fühlen wir uns nicht im Selbst verankert, sondern abhängig von anderen. Je nach dem, wie wir von anderen beurteilt werden, wird es uns gut oder schlecht ergehen. Das schmerzt und erniedrigt.
Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass wir bestimmen, wie sich die Menschen um uns herum fühlen. Wir können über unser Verhalten steuern, ob sich unser Gegenüber gut oder schlecht fühlt. Was für eine Macht, die wir da übereinander haben! Und mit der Macht kommt die Verantwortung. Die Verantwortung für die Gefühle der anderen liegt bei uns und unserem Handeln. Das erzeugt einen enormen Druck, es auch ja richtig zu machen, die Erwartungen zu erfüllen, niemanden zu enttäuschen. Gleichzeitig erhalten wir die Möglichkeit, denjenigen, die uns enttäuscht haben, ebensolche Schmerzen zu bereiten. Wir können sie an unserem Schmerz teilhaben zu lassen, ja, unseren Schmerz auf sie und viele andere übertragen. (Leider werden wir den eigenen Schmerz dabei trotzdem nicht los.) Je nachdem, wie wir andere beurteilen, wird es ihnen also gut oder schlecht ergehen. Das belastet und erhebt uns über andere.
Damit sind die Zuständigkeiten endgültig umgekehrt. Niemand trägt mehr die Verantwortung für sein Selbst, entscheidet über und für sich und seine eigenen Gefühle. Dafür trägt jeder aber die Verantwortung für die Gefühle der anderen, trifft die Entscheidung über Wohl oder Wehe der anderen. Es entsteht ein Netz aus Abhängigkeit und Machtausübung, in dem wir uns total verstricken. Sogar mit allerbesten, liebevollen Absichten hängen wir darin fest und spüren manchmal ganz genau, wie es uns und unsere Lieben trotz aller Bemühungen immer fester einschnürt.
Aber wie kann es anders gehen? Wie kann man sich aus diesem Netz befreien? Vielleicht ist es nicht unbemerkt geblieben, dass ich inzwischen nicht mehr von uns als Kind oder von unseren Kindern spreche, sondern uns alle, das volle Altersspektrum, mit einbeziehe. Denn dieses Netz umfasst unsere gesamte Gesellschaft und darin gefangen zu sein ist eher die Regel als die Ausnahme. Sich daraus zu befreien, wenn man sein ganzes Leben darin verbracht hat, ist eine Herausforderung. Auch wenn sie lebensfeindlich sind erfordert es viel Mut und Einsatz, gewohnte Strukturen zu verlassen. Es ist ein intensiver Prozess, sich mit sich selbst, seinem Selbst, vertraut zu machen, aber es ist möglich und es lohnt sich. Dazu gehört, sich selbst zu entdecken und anzunehmen, sich zu fühlen und sich seiner selbst bewusst zu werden, und schließlich diesem Selbst zu vertrauen. Selbsterkenntnis, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen. Das also steckt hinter diesen Begriffen!
Kindern können wir durch bedingungsloses Annehmen die Chance schenken, sich gar nicht erst so sehr in diesem Netz zu verlieren oder sich frühzeitig wieder daraus zu befreien. Je mehr Kinder mit sich selbst verbunden und außerhalb dieser Verstrickungen aufwachsen können, um so durchlässiger wird das Netz werden. Kinder lernen am besten am Modell, sie lernen von uns, von unserer Art zu leben. Auf diese Weise folgen sie uns sowohl ins Netz hinein, als auch in jede andere Richtung. Selbst wenn wir manche Erkenntnis noch nicht voll verinnerlicht haben, können wir mit unserer Haltung viel vermitteln. Wir müssen immer nur einen einzigen Schritt vorausgehen, um uns gemeinsam mit unseren Kindern, auch mit dem eigenen inneren Kind, Stück für Stück zu entwickeln. Selber machen und vorleben, auch in noch so kleinen Schritten, ist der einzige Weg, diese Haltung in die Welt zu bringen. Im weiteren Verlauf gehe ich deswegen darauf ein, wie wir das aus unserem erwachsenen Selbst heraus für alle inneren und äußeren Kinder tun können.
Also wie könnte das konkret aussehen? Mein Text wäre an dieser Stelle zu Ende, wenn ich davon keine Vorstellung hätte. Meine Vision eines Weges aufzuzeigen ist ja gerade das, worum es mir geht. Aber einen Weg für alle gibt es - leider oder zum Glück - nicht. Wir alle dürfen unseren eigenen Weg finden, unsere eigene Richtung, in die wir unseren Kompass drehen wollen. Leiten lassen können wir uns von unserem Gefühl. Es kann übrigens auch eine gute Idee sein, sich Hilfe zu suchen, jemanden, der uns auf diesem Weg begleitet. Ob Beratung, Coaching, Therapie oder eine andere Form der Unterstützung: wichtig ist auch hierbei, dass man mit den Umständen und mit der Person ein gutes Gefühl hat.
Muss es jetzt eigentlich ständig um Gefühle gehen? Geht das nicht auch etwas handfester? Nein, geht es nicht, aber Gefühle sind im Grunde genommen ziemlich „handfest“, wie wir noch sehen werden. Sie sind das, was uns sagt, in welche Richtung wir unseren Kompass drehen wollen. Wir müssen nur lernen, sie zu erkennen, ihnen zu vertrauen und ihre Kraft für uns zu nutzen, dann wird aus Gefühl ein sicheres Gespür, eine verlässliche Intuition, ein klarer Richtungsgeber.
Haben wir also das Fühlen verlernt? Fühlen wir denn nicht schon genug, manchmal viel zu viel? Liegt es nicht gerade an den Gefühlen, dass es uns geht, wie es uns geht? Dass unsere Gefühle uns manchmal im Wege stehen liegt daran, dass sie nicht bedingungslos angenommen werden, erst von unseren Eltern und dann auch von uns selbst nicht mehr. Wir unterscheiden zwischen Gefühlen, die in Ordnung sind, und welchen, die unerwünscht sind oder gar nicht geduldet werden. Wie sich die Einordnung in "richtig" und "falsch" sowie die Ablehnung der einen Seite auswirkt, haben wir uns ja schon angeschaut. Gefühle reagieren darauf ganz ähnlich wie Menschen. Wenn sie nicht uneingeschränkt so sein dürfen, wie sie sind, dann werden auch sie unsicher, verstellen und verstecken sich. Und auch hier werden manche immer lauter und manche leiser und leiser, bis wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Die, die am lautesten schreien und sich in unser Bewusstsein drängen, sind in ihrer Einseitigkeit oft tatsächlich nicht die besten Rat- und Richtungsgeber. Vielleicht geraten wir z.B. durch Wutausbrüche oder Angst immer wieder in Schwierigkeiten. Das prägt sich ein, und nach und nach vertrauen wir unseren Gefühlen (also uns selbst) immer weniger.
Manche Gefühle empfinden wir sogar als so falsch und damit bedrohlich, dass wir sie gar nicht ertragen. Sobald sie im Ansatz auftauchen, auch wenn es gar nicht bei uns selbst sondern bei jemand anderem ist, reagieren wir blitzschnell und spulen eine Art automatisiertes Schutzprogramm ab, um sie bloß nicht fühlen zu müssen. Das sind die Momente, in denen unsere Stimmung ganz plötzlich kippt, z.B. von verständnisvoll und geduldig zu schroff und abweisend. Dann machen wir plötzlich Dinge, die wir eigentlich ganz anders machen wollten. Wir bemerken es aber erst, wenn es schon passiert ist, oder wir merken es, können es aber nicht stoppen. Hinterher fragen wir uns dann, warum wir denn nicht besonnen und logisch reagiert haben, und machen uns vielleicht Vorwürfe, haben ein schlechtes Gewissen. Wir fühlen uns also wieder mal falsch. Das System erhält sich selbst aufrecht.
Wie kommt es dazu, dass die Gefühle nicht angenommen werden? Wir erleben es so, wie wir es vermittelt bekommen, und wir bekommen es so vermittelt, wie es die vor uns schon erlebt haben. Unsere Gefühle werden uns von klein auf ausgeredet und permanent in Frage gestellt. Als Kind hört man ständig solche Sätze: „Das ist doch nicht so schlimm“ (finde ich gerade schon, fühle ich das also falsch?), „Das tut doch gar nicht weh“ (doch, tut es gerade schon, spüre ich das etwa falsch?), „Sei doch nicht so...“ (bin ich aber gerade, bin ich also falsch?), „Doch, das ist toll“ (ich fühle mich damit aber gar nicht gut, stimmt mit mir was nicht?), „Das ist nicht schön, was du da machst“ (ich fühle mich dabei aber ganz toll, bin ich etwa abartig?), „Das ist gut für dich“ (ich mag das aber überhaupt nicht, weiß ich also gar nicht, was mir gut tut?), „Du musst nicht weinen“ (doch, ich fühle mich ganz elend, was stimmt mit mir nicht?), „Du musst keine Angst haben“ (hab ich aber, was bin ich eigentlich für eine Memme?).
Die Liste könnte noch ewig weitergehen, und Eltern oder andere Erwachsene können hierbei sehr hartnäckig und überzeugend sein (auch sich selbst gegenüber). Wir handeln in den allermeisten Fällen mit den besten, tröstenden Absichten, ganz liebevoll und verständnisvoll. Dennoch ist damit klar erwiesen, dass das Kind besser nicht darauf hören sollte, was es fühlt. Das Gefühl hat überhaupt keine Berechtigung, müsste und dürfte überhaupt nicht da sein, das kann ganz eindeutig festgestellt und nachgewiesen werden. Das Gefühl ist eigentlich gar nicht wahr. Dass es da ist, ist ein Fehler. Man darf es also nicht fühlen, es muss schnell wieder aufhören. Das Gefühl wird nicht durchfühlt, es wird unterdrückt, weggeschoben. Es ist aber deswegen nicht wirklich weg, ganz im Gegenteil, es setzt sich fest: im Unterbewusstsein und im Körper, und kann einen jederzeit wieder aus dem Hinterhalt anspringen.
Was sind Gefühle überhaupt? Wie können sie sich festsetzen? Gefühle sind im Grunde genommen Körperempfindungen, und zwar sowohl angenehme als auch eher unangenehme. Ein Kribbeln im Bauch, eine Wärme ums Herz, ein Hüpfen, das herausgelacht werden möchte. Aber auch eine Enge in der Brust, ein Druck auf den Schultern, ein Ziehen im Bauch, ein Stich ins Herz. Wir fühlen das und lernen das zu deuten. Wir ordnen es im Laufe der Kindheit immer mehr bestimmten Kategorien zu, die wir dafür angeboten bekommen: Glück, Trauer, Einsamkeit, Überraschung, Liebe, Wut... Wir verpacken unsere Gefühle in Gedanken und Konzepte und verlagern sie vom Körper in den Kopf.
Die Gefühle steigen im Körper immer noch auf, aber der Kopf will viele davon nicht fühlen und blendet sie aus. Es kann sogar so weit kommen, dass wir die ursprünglichen Körperempfindungen überhaupt nicht mehr als Gefühle erkennen und unsere „Gefühle“ eigentlich nur noch denken. Deswegen sind sie aber trotzdem im Körper, und besonders die „negativen“ Gefühle sind mit Anspannung und Missempfindungen verbunden. Da wir sie im Körper nicht annehmen, uns dagegen wehren, können wir sie aber auch nicht wieder loslassen. So bleiben sie eben, und mit der Zeit kommt ganz schön viel zusammen. Das ist der Punkt, an dem Gefühle tatsächlich sehr handfest werden können, z.B. als unklare Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Atemnot, Herzrasen, Heiserkeit oder Druck im Bauch.
Gefühle, die wir ins Unterbewusstsein verbannen, sind auch nicht einfach weg. Auch dort können sie sich nicht auflösen, sondern sie beeinflussen uns nur immer subtiler, ohne dass wir es selbst merken und verstehen. Sie wirken sich auf unsere Entscheidungen aus und lenken unser Denken und Handeln in die Richtung, die uns am weitesten wegführt von diesen Gefühlen. Sie sorgen dafür, dass wir immer den Weg gehen, der uns nicht wieder an „dieses Gefühl“ erinnert, uns nicht wieder dieser Bewertung oder Situation ausliefert, damit wir bloß nicht wieder „dieses Gefühl“ fühlen müssen. So geraten wir in eine Art Hindernislauf, immer bereit auszuweichen und oft nicht bereit, uns tiefer einzulassen.
Gefühle, die wir einfach annehmen, ohne Diskussion darüber, ob sie nun eine Berechtigung haben oder nicht, und die wir ohne Widerstand durch den Körper fließen lassen, lösen sich meist innerhalb von 90 Sekunden wieder auf, darüber gibt es Untersuchungen. Deswegen ist der Grund für das Gefühl nicht aufgelöst, und natürlich kann es wiederkommen, aber es setzt sich nicht fest. Es kommt einfach und es geht einfach. Ohne großes Nachspiel.
Das bedeutet natürlich nicht, dass wir aus jedem Gefühl heraus hemmungslos agieren sollen. Da kommt gleich der Gedanke auf, was wir dann mit unseren Mitmenschen alles „anstellen“ würden. Dieser Gedanke ist aber nur die Folge davon, dass wir es so gewohnt sind, die Verantwortung für unsere Gefühlslage bei unseren Mitmenschen zu suchen. Dann wollen wir sie verständlicherweise auch für unsere Gefühle zur Rechenschaft ziehen. Wer lernt, die Verantwortung für seine Gefühle bei sich selbst zu sehen, der lernt vielleicht auch gleichzeitig, verantwortungsbewusst und selbstverantwortlich mit seinen Gefühlen umzugehen?
Wer lernt, dass beide Seiten zum Leben dazugehören und beide Seiten okay sind, ohne den Kern, das Selbst, in Frage zu stellen, der kann sich so zeigen, wie er ist. Der muss sich und seine Gefühle nicht vor anderen verstellen und verstecken, und auch nicht vor sich selbst. Der kann sich selbst, sein Selbst, ehrlich betrachten und in allen Facetten kennenlernen. Dann gibt es nicht so viele Stellen, die man immer umschiffen muss, die man lieber im Dunkeln lässt und so lange wegschaut, bis man sie tatsächlich nicht mehr sieht und fühlt. Da ist einfach weniger, das einen aus dem Unbewussten heraus steuert und bedroht. Stattdessen gibt es mehr Bewusstsein dafür, wer man ist und was man gerade braucht. Und da ist es, das Selbstbewusstsein!
Es geht also darum, sich selbst bedingungslos anzunehmen, seine Gefühle anzunehmen und die Verantwortung dafür nicht bei anderen zu suchen, sondern bei sich selbst zu finden. Das ist eine innere Haltung, die wir zuerst uns selbst gegenüber entwickeln dürfen, und in der Folge auch gegenüber anderen einnehmen können. Auf dem Weg dahin machen es uns vor allen Dingen diejenigen Gefühle und Erfahrungen ganz schön schwer, die wir bereits ins Unterbewusstsein verbannt haben. Darauf möchte ich nun noch einmal ausführlicher eingehen.
Diese Gefühle „sitzen“ also dort und warten nur darauf, endlich wieder heraus zu dürfen. Sobald wir eine neue Situation erleben, die ähnliche Gefühle hervorruft, werden die „alten Bekannten“ geweckt und versuchen mit aller Macht, sich in unser Bewusstsein zu drängen. Das tun sie sogar dann, wenn sie in der neuen Situation gar nicht primär bei uns auftreten, sondern wir sie nur bei anderen beobachten oder vermuten. Sie wollen jede Gelegenheit nutzen, um endlich gefühlt zu werden und sich dann auch endlich auflösen zu können. Wir wundern uns oft, warum „Kleinigkeiten“ uns so mitnehmen, warum wir (oder andere) auf unwichtige Dinge so emotional reagieren. Das liegt daran, dass aktuelle Ereignisse an alte Gefühle anknüpfen und diese dann an die Oberfläche steigen.
Die alten Gefühle nehmen uns mit auf eine Zeitreise. Sie versetzen uns innerlich in unser früheres Erleben der Gefühle, die da geweckt wurden. Wir fühlen uns z.B. plötzlich wie ein trotziges Kind, das mit dem Fuß aufstampfen und schreien will. Oder wie ein Teenager, der sich nur noch die Kopfhörer aufsetzen und die ganze Welt ausblenden will. Oder alleine gelassen wie ein schreiendes Baby. Das ist schlimm und muss ganz schnell aufhören. Da bleibt keine Zeit für besonnenes Handeln, da greift unser Schutzreflex und spult blitzartig eine „altbewährte“ Reaktion ab: mit den alten Gefühlen kommen gleichzeitig die alten Reaktionsmuster hoch. Die Handlungsmöglichkeiten, die wir damals hatten, waren aber meist sehr begrenzt, und in genau diese Grenzen geraten wir wieder hinein. Zumindest so lange, bis wir die Lage wieder einigermaßen im Griff haben und wieder zum Denken kommen. All das kann so schnell ablaufen, dass wir vielleicht nur das kurze Aufblitzen von etwas diffus Unangenehmem bemerken, einen kurzen, wilden Impuls, und dann wieder Kontrolle. Auflösen konnte sich das Gefühl aber wieder nicht.
Das, um was es in einer Situation jeweils aktuell geht, ist also nur die Spitze des Eisbergs. Das, was uns daran so berührt, uns z.B. verunsichert oder wütend macht, ist der viel größere Teil des Eisbergs, der unter Wasser verborgen bleibt: die vielen, vielen unverarbeiteten und ungefühlten Gefühle aus all den Erfahrungen, die im Laufe unseres Lebens in diese gleiche Kerbe geschlagen haben. Die aktuelle Situation und der Mensch, der die Gefühle in dem Moment gerade auslöst, haben damit viel weniger zu tun als wir denken. Hier kommen wir zu dem Punkt der Selbstverantwortung! Ja, der andere löst gerade etwas bei uns aus. Aber unsere Gefühle sind nicht primär durch diesen Auslöser entstanden, sondern spiegeln die Summe aller Auslöser, die zu diesem Gefühl schon in uns lauern. Ja, jemand oder etwas triggert uns, aber der Grund und damit auch die Verantwortung für die Kettenreaktion, die dann in uns anläuft, liegt nicht bei demjenigen, sondern bei uns selbst. Nur wir selbst können etwas daran ändern, und zwar indem wir uns voll und ganz auf uns selbst einlassen. Indem wir die aufsteigenden Gefühle ohne Urteil wahrnehmen, ohne Wenn und Aber annehmen, den Widerstand aufgeben und sie einfach nur fühlen. Danach können sie endlich gehen.
Je mehr alte Gefühle wir angehäuft haben, desto öfter und intensiver müssen wir sie möglicherweise fühlen, bis sie sich vollständig auflösen können. Das kann ein ziemlich aufwühlender und anstrengender Weg sein, aber es funktioniert. Und irgendwann, mitten in einer solchen Situation, stehen wir plötzlich da und merken, dass der Trigger weg ist. Das Knöpfchen wird gedrückt, aber es passiert nichts mehr! Das, was uns immer in inneren Aufruhr gestürzt hat, können wir plötzlich ruhig und klar erleben. Plötzlich eröffnen sich ganz neue Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten, die wir bis dahin nie gesehen haben. Auf einmal sind wir frei, schwindelerregend frei in unserer Entscheidung. Wir müssen unseren Schmerz zwar selber fühlen, aber wir sind ihm und damit auch den Auslösern nicht mehr machtlos ausgeliefert. Aus Ohnmacht, Fremdbestimmung und Opferrolle wird Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit. Wir übernehmen die Verantwortung für uns selbst und kommen endlich ins Handeln, können unser Leben frei für uns gestalten.
Was genau jeden einzelnen von uns triggert ist sehr individuell, jeder hat seine eigenen Themen, die sich durchs Leben ziehen. Ein Anhaltspunkt dafür, wie groß der Eisberg ist, der unter einer sichtbaren Spitze liegt, ist z.B. die Heftigkeit der Reaktion. An diesen „Eisbergen“ liegt es, dass das, was uns ganz wahnsinnig macht, anderen vielleicht gar nichts ausmacht, während wir bei manchen Themen überhaupt nicht verstehen können, warum sich andere so aufregen. Der Unterschied liegt eben nicht in der Sache begründet, sondern in den (alten) Gefühlen, die dabei geweckt werden.
Worüber sich ein Mensch aufregt, wofür er sich engagiert und was er über andere sagt, sagt wesentlich mehr über ihn selbst und seine Gefühlsthemen aus als über denjenigen, mit dem bzw. über den er gerade spricht. Wie aber sein Gegenüber diese Worte auffasst liegt wiederum an dessen Selbst-Verständnis bzw. dessen Gefühlsthemen. Besonders in Konflikten ist das ein echtes Problem, denn während alle Beteiligten überzeugt sind, sich über den Inhalt zu streiten, ist der Inhalt oft nur eine Art Transportmittel für die Gefühlsthemen, um die es für jeden in Wirklichkeit geht.
Deswegen ist es auch so oft so schwer, befriedigende Lösungen zu finden. Keine inhaltliche Lösung fühlt sich gut genug an, weil die emotionalen Themen dahinter nicht gelöst werden, erst recht nicht all die verschiedenen Themen, die bei den unterschiedlichen Konfliktparteien dahinter stehen. Dazu kommt noch die übliche Umkehr der Zuständigkeiten und Verantwortung, und schon ist der Knoten perfekt und lässt sich überhaupt nicht mehr entwirren, das Netz wird immer fester geknüpft. Dieses „absurde Theater“ ist auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu beobachten: in Beziehungen, Familien, Vereinen, im Büro und in der Schule, in Wirtschaft, Politik und Religion. Es ist ein ziemliches Dilemma.
Was können wir daran ändern? Wir können es für niemanden ändern außer für uns selbst, und zwar indem wir uns ganz bewusst abgrenzen. Aber Abgrenzung ist ebenso wie das Annehmen eine Haltung, keine Handlung. Es geht nicht darum, anderen ein Stoppschild vor die Nase zu halten, sondern die Abgrenzung findet in uns statt, über das Bewusstsein des eigenen Selbsts und über die klare Trennung der Zuständigkeiten und Kompetenzen. Das verdient es, näher beleuchtet zu werden.
Indem wir uns selbst so annehmen, wie wir gerade sind, mit all unseren Macken und Unzulänglichkeiten, egal wie unschön, unfähig, und unmöglich wir sein mögen, verankern wir uns in unserem Selbst und machen uns damit unabhängig von der Bewertung anderer. „Jetzt gerade bin ich so, und das ist okay, und ich kann mich annehmen. Und später bin ich anders, und das ist genauso okay, und ich kann mich annehmen. Und egal wie ich mal sein werde, es wird okay sein und ich werde mich annehmen können.“ Wer das zu sich selbst sagt, der braucht nicht, dass andere ihn gut finden oder ihm seine Richtung bestätigen und erlauben. Natürlich tut es gut, Anerkennung und Bestätigung zu erfahren, aber wir sind nicht mehr darauf angewiesen und müssen unser Handeln nicht danach ausrichten, anderen zu gefallen.
Wer sein Selbst bedingungslos als „unveränderlich wundervoll“ oder zumindest als „unveränderlich okay“ annimmt, der kann sich in jedem Augenblick frei für seine Richtung entscheiden und wird nicht von der Angst um die eigene Existenzberechtigung in die Dunkelheit getrieben. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber es ist eben wichtig: Wenn alles okay ist, was soll dann schon passieren? Klar, es kann alles passieren, und es kann auch wehtun, aber es ist immer noch okay und nimmt einem nicht die Grundlage. Das ist wahre Sicherheit. Selbstsicherheit.
Aus dieser Sicherheit heraus sind wir nach und nach immer größeren Herausforderungen gewachsen, sogar der oben beschriebenen Begegnung mit unseren eigenen Gefühlen. Denn nichts und niemand, nicht einmal die Gefühle, die wir bisher immer vermieden haben zu fühlen, stellen unsere Existenzberechtigung und unseren Wert in Frage. Aus der sicheren Verankerung im eigenen Selbst heraus kann uns keine Kritik, keine Ablehnung, kein Urteil und kein altes Gefühl von unserem Kurs abbringen. Was andere sagen und tun und was um uns herum passiert kann uns wehtun, ja, wir sind berührbar und verletzlich. Aber wir sind dennoch sicher in uns, müssen nicht vor dem Schmerz weglaufen, können bei uns selbst bleiben und unseren Kompass halten. Schließlich ist es auch okay, mal nicht weiter zu wissen und komplett überfordert zu sein.
Auch wenn wir uns unabhängig machen von den Bewertungen anderer, so begegnen wir ihnen doch ständig. Im Umgang damit kommen die „Eisberge“ wieder ins Spiel, und die Selbstoffenbarung, die in jeder Aussage steckt. Denn wie andere uns einschätzen und beurteilen sagt ja im Grunde nur etwas über die Wahrnehmung(sfähigkeit) dieser Person aus, und über die Gefühle, die wir in dieser Person wachrufen. Aus diesen Gefühlen heraus und auf der Grundlage ihrer bisherigen Erfahrungen entwickelt die Person dann eine Meinung über uns. Darüber, wie wir tatsächlich sind, sagt das überhaupt nichts aus. Die Meinung einer anderen Person ändert auch überhaupt nichts daran, wie wir sind. Es gibt außerdem mindestens so viele Meinungen über uns, wie wir Personen fragen, und sie können sich auch noch ständig ändern. Also welcher davon sollen wir glauben?
Lassen wir uns dabei am besten wieder von unserem Gefühl leiten. Hier meine ich aber nicht die ganzen alten Gefühle, sondern unser aktuelles, davon unbeeinflusstes Gefühl, das nach und nach zum sicheren Gespür wird. Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind und nicht mehr so viel vor uns selbst verstecken, dann spüren wir ganz gut, welche Kritik nur unsere alten Ängste und Wunden berührt und welche einen wahren Kern hat: Einen, der uns tatsächlich weiterbringen kann. Schließlich können wir ja auch nicht immer alles richtig machen. Aber Fehler sind - ja genau - auch okay! Hier ist also endlich etwas, das wir nicht bedingungslos annehmen müssen: Die Bewertungen anderer Menschen, und übrigens auch die unserer eigenen inneren Stimmen. Wir dürfen stattdessen überlegen, ob wir uns darin gesehen fühlen oder nicht. Wenn jemand uns nicht so sieht, wie wir sind, dann müssen wir ja deswegen nicht so werden, wie wir gesehen wurden.
An dieser Stelle möchte ich kurz auf einen interessanten Punkt eingehen, der nicht direkt Teil der Abgrenzung ist, aber dennoch hierher gehört: Im Zuge dessen, dass wir immer bewusster mit den Bewertungen anderer umgehen, wird uns vielleicht auffallen, wie sehr wir selbst es gewohnt sind, andere Menschen, uns selbst, einfach alles, zu bewerten. Ständig fällen wir Urteile, teilen alles in die Kategorien „gut“ oder „schlecht“ ein. Wir fragen uns selbst und andere auch ständig, wie wir etwas finden. Je mehr wir uns und andere bedingungslos annehmen, desto unwichtiger und störender wird dieses Einsortieren sich anfühlen.
Schon alleine die Frage „Wie geht es dir?“ oder „Wie fühlst du dich?“ kann man kaum ohne Wertung beantworten (mal ganz abgesehen davon, dass die Frage oft nicht aus echtem Interesse gestellt wird). Die Fragen „Was fühlst du gerade?“, „Was macht das mit dir?“ oder „Was geht gerade in dir vor?“ hingegen schon (und sie beinhalten auch eher ein echtes Interesse an der Antwort). Auch Komplimente, Anerkennung und Lob drücken wir meist in einer Wertung aus, kaum etwas wird je einfach nur gesehen, beschrieben und angenommen. Je bewusster wir hier werden, desto mehr fällt auf, wie tief sich die Kultur der Bewertung und Beurteilung in uns und unsere Sprache eingegraben hat. Sich daraus zu lösen erfordert ein echtes Umdenken bis in unsere Formulierungen und unserer Ausdrucksweise hinein. Da dürfen wir es uns selbst nachsehen, wenn wir uns doch immer wieder gewohnte Sätze sagen hören und erst beim Reden merken, wie wertend das eigentlich alles ist.
(Hier ist der Link zu dieser Folge in Spotify: https://open.spotify.com/episode/4djW7t9a8IsF7J09CPRBJ0?si=468825909b794d6c)
Kommen wir zurück zu dem Schlüssel, der uns aus dem Netz befreien kann, in das wir so verstrickt sind: Zur Abgrenzung. Bisher ging es darum, dass wir
uns bedingungslos in unserem Selbst verankern
die Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen und sie auch tatsächlich fühlen
die Wahrnehmungen, Bewertungen, Meinungen und Gefühle anderer Menschen bei diesen Menschen belassen, statt sie uns überzustülpen und uns ihnen auszuliefern.
Diese drei Säulen helfen uns, unsere eigenen Grenzen immer klarer zu erkennen und zu wahren, ganz ohne dass andere sich dafür ändern müssen. Denn selbst wenn wir das einfordern und erwarten würden, beeinflussen können wir es nur sehr bedingt. Wenn unsere Abgrenzung erfordern würde, dass andere etwas dafür tun, dann wären wir wieder auf sie angewiesen, ihnen wieder ausgeliefert, wir wären also immer noch verstrickt. Abgrenzung, die auf den drei oben genannten Säulen beruht, macht uns hingegen unabhängig und frei. Sie kappt sozusagen all die Stricke, mit denen wir von anderen in dem Netz festgehalten werden. Das ist schon sehr, sehr viel, aber noch nicht ganz alles.
Um uns nämlich vollständig aus dem Netz befreien zu können, müssen wir auch die Stricke loslassen, mit denen wir aktiv andere festhalten, denn auch diese Stricke binden uns an das Netz. Wir müssen also nicht nur die Verantwortung für uns selbst zu uns selbst zurückholen, sondern auch
die Verantwortung für die anderen bei den anderen belassen.
Das ist die vierte Säule der Abgrenzung. Werfen wir einen Blick darauf, was das für Stricke sind.
(Hier ist der Link zu dieser Folge in Spotify: https://open.spotify.com/episode/464GWe3qlJMAKV9qocsJiy?si=e8750ef133dc412e)
In diesem Netz aus Abhängigkeit und Machtausübung sind wir alle in irgendeiner Art und Weise Opfer. Wir alle haben die Gefühle, die zu dieser Rolle gehören, schon erlebt (und wahrscheinlich möglichst weit weggeschoben): abhängig und ausgeliefert zu sein, ohnmächtig, machtlos, hilflos, ungehört, ungesehen, bedeutungslos. All diese Gefühle eint, dass wir nicht genug Kontrolle darüber empfinden, was mit uns, in uns oder um uns herum passiert. Wir können unser „Schicksal“ nicht ausreichend selbst beeinflussen. Dieser Kontrollverlust ist sehr unangenehm und bedrohlich, und es gibt innerhalb des Netzes drei mögliche Wege, damit umzugehen. Ein Weg ist, in der Rolle des „Opfers“ zu verharren, zu leiden, zu jammern, zu erstarren oder zu fliehen. Manchmal tun wir das, und manche richten sich dauerhaft in dieser Rolle ein, aber es fühlt sich eben nicht machtvoll an, gibt einem nicht die Kontrolle zurück. Wenn wir uns machtvoll fühlen wollen, dann bleiben uns zwei Rollen als Ausweg, die des „Täters“ oder die des „Retters“.
„Täter“ klingt gleich ziemlich negativ, ist hier ja aber nicht im Sinne von Straftaten zu sehen. Auch diese Rolle kennen wir alle. Sie besteht darin, dass wir (aus einer Bedrängnis heraus) einen (Gegen-)Angriff führen. Wir erobern uns Macht, indem wir sie anderen nehmen, üben Kontrolle aus, aber nicht nur über uns selbst, sondern auch über andere, und das vielleicht auch gegen deren Willen und über deren Grenzen hinweg. Damit wollen wir uns irgendetwas erkämpfen oder sichern, das uns in unseren Augen zusteht, das wir aber nicht haben, weil es uns vorenthalten oder genommen wird. (Und nicht selten ist das, was uns da fehlt, übrigens die Abgrenzung.) Wir wollen einen Mangel ausgleichen, vielleicht sogar rächen, zur Not auf Kosten anderer, vielleicht sogar als Strafe. Aus einem Ungleichgewicht zur einen Seite entsteht ein Ungleichgewicht zur anderen Seite. Die Grenzen des Opfers sind dabei unwichtig, schließlich geht es erst einmal darum, sich selbst zu beweisen und zu seinem Recht zu kommen. Wer genau hinsieht erkennt, dass im Täter eigentlich ein Opfer steckt, das sich zu retten versucht. Opfer, Täter, Retter, alles in einem.
„Retter“ klingt viel besser, so heroisch. Aber natürlich geht es auch hier weder um die Vereitelung einer Straftat noch um Lebensrettung. Das Retten Schutzbedürftiger aus akuter Gefahr, vor unmittelbarem Schaden, ist nicht Gegenstand dieser Betrachtung. Ist die Retterrolle also wirklich eine Heldenrolle? Sie besteht darin, dass wir (aus eigener Bedrängnis oder stellvertretend) jemanden gegen einen Angriff verteidigen oder aus einer Not befreien. Wann und worin diese Not genau besteht entscheiden wir dabei eigenmächtig und aus unserem eigenen Gefühlsthema heraus, und plötzlich liegen die Grenzen des Opfers in unserem Ermessen und Urteil. Über die Grenzen des Täters gehen wir billigend hinweg, für die gute Sache, und vielleicht sogar über unsere eigene (Belastbarkeits-)Grenze. Als Retter wissen wir es besser und können wir es besser, wir erheben uns mit unserem Urteil über andere. Wir setzen Macht und Kontrolle ein, um irgendetwas für irgendjemanden zu erkämpfen oder zu sichern, das demjenigen in unseren Augen zusteht, ihm aber vorenthalten oder genommen wird. Wir wollen einen Mangel ausgleichen, vielleicht sogar rächen, zur Not auf Kosten anderer, vielleicht sogar als Strafe. Das Ziel mag ein Ausgleich sein, doch ein Gleichgewicht aller Gefühle aller Beteiligten finden wir selten, also entscheiden wir eigenmächtig, welche Gefühle „berechtigter“ sind. Um zu erkennen, wie nah Retter und Täter beieinander liegen, muss man nun nicht einmal mehr so genau hinschauen. Egal von wem, es werden ständig wieder neue Opfer erzeugt. Retter, Täter, Opfer, immer wieder von Neuem.
„Opfer“ sind und bleiben wir in diesem Netz alle, mal mehr, mal weniger. Diese Rolle ist zwar unangenehm, hat aber auch ihre Vorteile, denn in ihr kann man jede Verantwortung von sich weisen und die Schuld eindeutig bei anderen finden. Es besteht auch kein großer Druck, etwas zu ändern, denn es würde ja eh nichts bringen, ist ja eh sinnlos, da kann man einfach nichts machen. Als kleines, unbedeutendes Rädchen im großen Getriebe wird man halt zerrieben, aber immerhin kann man berechtigt Wut empfinden, sich (gemeinsam) aufregen und es macht nicht viel aus, wenn man bei seinen Gewohnheiten bleibt.
Ja, zugegeben, ich habe alle drei Rollen überspitzt und nicht ganz wertfrei dargestellt, aber genau so funktioniert das Netz. Natürlich sind wir als Täter nicht immer böse. Wir wollen uns nur zu unserem Recht verhelfen. Aber wir verletzen andere bewusst oder unbewusst, oder zwingen ihnen unseren Willen auf, und wenn es „nur“ durch Vorwürfe oder Verurteilung ist. Als Retter handeln wir sicherlich aus guter Absicht heraus. Wir wollen helfen und tun das auch. Aber einerseits erwarten wir auch Dankbarkeit und Gegenleistung, und wenn es „nur“ Anerkennung, Bestätigung und Rücksicht auf unsere Gefühle ist (für die der andere damit wieder die Verantwortung zugeschoben bekommt). Andererseits vermitteln wir den anderen, dass sie auf uns angewiesen und nicht in der Lage sind, die Verantwortung für sich selbst zu tragen. Als Opfer fühlen wir uns bestimmt nicht wohl, wir leiden an unserer Machtlosigkeit. Genau deswegen wollen wir uns und andere ja daraus befreien und schon verschwimmen die Rollen, verschmelzen miteinander, erschaffen sich gegenseitig ständig neu. Tatsächlich sind wir es alle gemeinsam und jeder für sich, die als Opfer, Täter und Retter das System nicht nur passiv sondern sehr aktiv aufrechterhalten.
(Hier ist der Link zu dieser Folge in Spotify: https://open.spotify.com/episode/43EJl5ThgIR99zP8s5NFbz?si=6516b8deb7024230)
Der Weg, diese Stricke zu kappen, die wir selbst aktiv in das Netz einweben, ist gleichzeitig so einfach und so schwer zu verstehen: er liegt jenseits dieser Rollen, außerhalb des Dramas. Wenn wir die Haltung der Abgrenzung durch Verbundenheit mit unserem Selbst leben, dann geraten wir nicht mehr in die Rolle eines Opfers, das habe ich bereits ausführlich beschrieben. Wenn wir nun die gleiche Abgrenzung, die gleiche Verbundenheit mit dem Selbst auch anderen zugestehen und ermöglichen, dann geraten wir auch nicht mehr in die Rolle des Täters oder Retters hinein. Wer eine Rolle spielt, egal welche, ist niemals ganz er selbst, aber wer ganz mit dem eigenen Selbst verbunden ist, der kann sich von jeder Rolle lösen, der braucht weder Rolle noch Drama, um mit anderen verbunden zu sein. Das Drama endet da, wo wir uns selbst und andere gleichermaßen in der Selbstverantwortung belassen und stärken. Nicht aus Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit, nein! Aus Respekt für das eigene Selbst und für das der anderen, so wie wir alle eben gerade sind: Gleichwertig dadurch, dass wir alle immer „unveränderlich wertvoll“ sind.
Und wer hat jetzt die Kontrolle? Haben wir sie nun zurückerobert oder nicht? Nein, haben wir nicht. Es gibt keine Kontrolle, keine Sicherheit, jedenfalls nicht in der Welt da draußen. Die Welt haben wir nicht unter Kontrolle, und auch nicht die anderen Menschen und nicht einmal uns selbst. Wenn wir alles unter Kontrolle, alles im Griff haben wollen, dann halten wir eben all diese Stricke fest und werden von ihnen festgehalten. Dann geht alles genau so weiter wie bisher, und auch das ist okay. Wer loslässt, der gibt die Kontrolle ab, freiwillig und voller Vertrauen: Selbstvertrauen. Sicher sind wir dennoch, in uns selbst: selbstsicher. Sicherer wird es nicht, außer wir möchten über das Vertrauen in uns selbst hinausgehen und uns für die Dimension des Vertrauens in eine allem zugrunde liegende göttliche Kraft öffnen.
(Hier ist der Link zu dieser Folge in Spotify: https://open.spotify.com/episode/4ZxIQV9IfOJjwnQ7W3BmEF?si=e6c4c25156c34221)
Wie ich schon sagte können wir diese Haltung nur selbst leben und nicht von anderen erwarten. Wenn wir unsere Haltung ändern wird es sich auch nur für uns selbst befreiend anfühlen. Diejenigen, denen wir plötzlich den Respekt entgegenbringen, ihnen nicht mehr die Verantwortung weg- oder abzunehmen, sondern sie stattdessen als Mensch erwartungs- und bedingungslos anzunehmen, wollen diese Verantwortung aber vielleicht gar nicht haben, wissen damit nichts anzufangen. Da ihre Gefühle noch von uns abhängen fühlen sie sich vielleicht abgewiesen, obwohl oder gerade weil wir sie nun bedingungslos annehmen. Das passt einfach nicht ins Konzept! Wer seine Rolle in dem Drama weiterspielt, der wird unsere veränderte Haltung möglicherweise unverständlich und befremdlich finden. Er wird vielleicht einfordern, dass wir weiter mitspielen, weiterhin auf gewohnte Weise agieren und reagieren und uns brav triggern lassen. Er könnte uns vorwerfen, wir seien unbeteiligt, egoistisch und gefühlskalt. Das stimmt insofern, als wir nicht mehr am Drama teilnehmen, wir für uns selbst einstehen und entscheiden, und sich unsere Gefühle nicht mehr durch die Gefühle und Handlungen der anderen steuern lassen. Es stimmt ganz und gar nicht, dass uns deswegen nichts mehr berührt oder verletzt, dass uns alle anderen egal sind und wir sie achselzuckend ihrem Schicksal überlassen und ihnen die Hand nicht mehr entgegenstrecken wollen, aber es wird vielleicht erst einmal so empfunden.
Zum Glück ermöglicht uns genau diese Haltung ja, den Gegenwind auszuhalten, den sie erzeugt, und trotzdem einfach nur da zu sein. Zuerst für uns selbst und dadurch auch für andere. „Ich bin bei mir und ich halte mich, und ich kann für mich sorgen, und ich lasse mir mein Gefühl und mein Sein, und es ist okay. Und wenn du möchtest, dann bin ich bei dir und halte deine Hand, und du darfst und kannst für dich sorgen, und ich lasse dir dein Gefühl und dein Sein, und das ist auch okay.“
Am Ende ist es so einfach, und darin liegt auch das Wunder unserer Intuition: vieles geschieht ganz von alleine, wenn wir einfach nur loslassen, uns darauf einlassen, ganz wir selbst zu sein, und andere auch einfach sein lassen.
Das ist eigentlich genug: Bleib bei Dir, es ist alles schon da. In Dir.